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Diskussion zur geplanten Antibiotikagesetzgebung

Ab dem 28.01.2022 ist die VO (EU) 2019/6 über Tierarzneimittel in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union anzuwenden. An diesem Tag wird auch das auf nationaler Ebene von Bundestag und Bundesrat verabschiedete Tierarzneimittelgesetz in Kraft treten. Dieses wird zukünftig die nationalen Regelungen zu Tierarzneimitteln bündeln.
 
Die EU ist derzeit damit beschäftigt, gemäß Art. 37 dieser Tierarzneimittelverordnung, mit Hilfe eines delegierten Rechtsaktes und eines Durchführungsrechtsaktes antimikrobielle Wirkstoffe mit Humanvorbehalt festlegen. Zu diesem Zweck sollen zunächst die Kriterien für deren Bestimmung festgelegt werden, dann die Wirkstoffe selbst anhand dieser zuvor festgelegten Kriterien jeweils unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Beratung der Agentur, der EFSA und anderer einschlägiger Agenturen der Union.
 
Die Kommission hat im Juli einen entsprechenden Verordnungsentwurf vorgelegt: „Kriterien für die Einstufung antimikrobieller Mittel, die für die Behandlung bestimmter Infektionen beim Menschen vorbehalten sind“. Dieser basiert auf einem wissenschaftlichen Gutachten der EMA, das vom gemeinsamen Ausschuss von Human‐ und Gesundheitsexperten unter Mitwirkung von WHO, ECDC, OIE und EFSA erstellt wurde. Dieser Verordnungsentwurf wurde im Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit des EU- Parlaments (ENVI) beraten und abgelehnt. Stattdessen wurde dort die Forderung erhoben, dass in der zu erstellenden Liste alle kritischen antimikrobiellen Mittel mit höchster Priorität der WHO gelistet und damit einer Behandlung ausschließlich beim Menschen vorbehalten werden. Zugleich wurde aus dem Teilnehmerkreis die Forderung erhoben, dass Einzeltiere vom Anwendungsverbot ausgenommen werden sollten. Allerdings lässt die Tierarzneimittelverordnung 2019/6 ein geteiltes Vorgehen, also Verbot der Anwendung von Antibiotika bei Tieren in Gruppenhaltung und Weiterverwendung bei Einzeltieren nicht zu. Diese Verordnung müsste daher entsprechend überarbeitet und geändert werden. Das Europäische Parlament selbst wird in der weiteren Folge Mitte September über den Vorschlag bzw. den Einspruch abstimmen, bei einer Mehrheit für den Einspruch wird der Vorschlag der Delegierten Verordnung durch die Europäische Kommission überarbeitet.
 
Die Tierärztekammer Nordrhein sieht diese Entwicklung mit großer Sorge. So ist unbestritten, dass die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt miteinander in enger Wechselbeziehung stehen. Zentraler Bestandteil der daraus abgeleiteten One-Health-Strategie ist insbesondere der Kampf gegen Antibiotikaresistenzen. Vom Tier gewonnene Lebensmittel aber auch der enge Kontakt zu Haus- und Nutztieren können zu einer Weiterverbreitung von Antibiotikaresistenzen beitragen und sich so zwischen Mensch, Tier und Umwelt rasch verbreiten. Wie auch immer das EU-Parlament daher über diese vom ENVI-Ausschuss vorgelegte Forderung entscheiden wird, darf nach Auffassung der Tierärztekammer Nordrhein eines nicht in Frage stehen: Es muss weiterhin möglich sein, Tieren, seien es Einzeltieren oder seien es Tiere in Gruppenhaltung, eine zielgerichtete Therapie mit Aussicht auf Erfolg zukommen zu lassen. Das schließt grundsätzlich die abwägende und besonnene Verwendung aller heute üblichen Antibiotika ein. Aus der Verantwortung für Mensch und Tier gleichermaßen gibt es hierzu keine Alternative. Der direkte oder indirekte Kontakt zwischen Mensch und Tier, sei es über Lebensmittel sei es über direkte Kontakte zwischen Haus-, Heimtier und betreuendem und versorgenden Menschen, beinhaltet stets auch die Weitergabe von möglicherweise resistenten Mikroorganismen. Diese müssen daher auch in Zukunft bei Mensch und Tier wirksam bekämpft werden können.
 
Das heißt aber umgekehrt nicht, dass nicht im Vorfeld einer Antibiotikabehandlung alles sonst Mögliche, etwa im Bereich der Stallhaltung, des Stallklimas etc. getan werden muss, um Erkrankungsfälle bei unseren Haus- und Nutztieren zu vermeiden. Hier gilt es, im Vorfeld zu einer Antibiotikatherapie alle Faktoren, die Erkrankungen begünstigen, mit tierärztlichem Sachverstand zu identifizieren und nachfolgend an deren Beseitigung mitzuwirken. Unterm Strich wird also der Einsatz von Antibiotika in der Zukunft noch zielgerichteter und effizienter werden, er bleibt aber unverzichtbarer Bestandteil der tierärztlichen Behandlung der uns anvertrauten Tiere.
 
Mit Skepsis sieht die Tierärztekammer Nordrhein zudem auf den Vorschlag des ENVI-Ausschusses, der als Voraussetzung für eine zukünftige Behandlung von Einzeltieren die Änderung der Tierarzneimittelverordnung der EU 2019/6 beinhaltet. So gibt es Grund zu der Annahme, dass für den Falle eines Verbotes der dem Menschen zukünftig vorbehaltenen Antibiotika zur Anwendung am Tier erst Jahre später, wenn überhaupt, eine derartige Änderung der Verordnung zustande käme. Allein mit Blick auf den Tierschutzaspekt kann ein derartiges Vorgehen daher aus Sicht der Tierärztekammer Nordrhein nicht gut geheißen werden.
 
Dr. Josefine Starke Dr. Thomas Mönig

Präsidentin der Tierärztekammer Nordrhein

Vorsitzender des Ausschusses für Arzneimittelrecht
der Tierärztekammer Nordrhein